Vortrag zum Thema:
Souveräne vs. alternative Medien
Ich habe hier einige Fragmente
zusammengestellt, Fragmente deshalb,
weil Medien und ihre Nutzungsweisen sich historisch und politisch
nicht anders darstellen lassen. ES gibt keine lineare oder chronologische
Erzählung zu Medien. "Die Geschichte der Aneignung des Radios ist
der
Bericht über seine Entfesselung." (OF; FT), ein Versuch seine
Strukturiertheit zu lösen und seine eigene Mythologie auszuarbeiten.

Fragment 1:
1901 wird an der Küste Cornwalls der erste grosse Langwellensender
installiert, 1906 gelingt es Reginald A. Fessenden aus Massachussetts,
nicht bloss Morsezeichen, sondern Klang, Laut und Geräusch auszustrahlen,
1908 betreiben ein paar gelangweilte Funker auf der U.S.S.Columbus zum
Missvergnügen ihrer Vorgesetzten und zur Freude ihrer ebenso
gelangweilten Kollegen anderer Schiffe für einige Tage den ersten
Piratensender mit Musik; 1909 eröffnet Joseph Herrolds in San Jose,
Kalifornien, den ersten Radiosender mit regelmässigem Programm (Musik
und Nachrichten), im 1. Weltkrieg wird die Funktechnik von vaterländischen
Helden weiterentwickelt und eingesetzt, den jeweiligen Gegner zu amüsieren,
auszukundschaften und zu täuschen, 1917 schicken russische Sender Leo
Trotzkis "Worte wie Blitze" - -"AN ALLE" - in die Welt,
1922 verkauft der
lokale Sender WEAF in New York zum ersten mal Sendezeit an Werbeleute und
1923 nimmt in Berlin das erste Rundfunkhaus im deutschsprachigen Raum
seinen Sendebetrieb auf.
Diese mit Jahreszahlen und Namen gespickten retroaktiven Totalitarismen
sollen die Momente des Radios vereinheitlichen und zu einer Geschichte
des Fortschritts umschreiben, die die vergangenen Situationen von
Radiomachen und -erweitern in keinster weise widerspiegeln.
Deshalb also Fragmente.
Fragment 2:
Das Prinzip des AN ALLE nennt sich Interzeption und zeigt seine Struktur:
einer sendet, viele (können) empfangen, one 2 many.
Ein weiterer Name: Walter Benjamin hatte die Hoffnung, mit den
reproduzierenden Medien "die Masse" zu erreichen, bzw. , dass "die(se)
Massen in solcher Rezeption sich selbst hätten organisieren und
kontrollieren können"(S.39), in "einer simultanen Kollektivrezeption"(S.38),
ein gleichzeitiges gemeinsames sich Entäussern.
Der Versuch, Massen zu erreichen, konstituierte sich selbst: Gab es "die
Masse" ? Hörte "sie" überhaupt zu, wenn etwas gesendet
wurde ?
Das Medium verschwieg seine Struktur nicht: egal, wer sendete, das Prinzip
konnte sich nicht auflösen: 1Sender, VIELE Empfänger. Aber nicht ALLE;
1
totaler Sender, unbestimmte Empfangende. Die Masse als konstruiertes
solches, das vorher als Betimmtes noch gar nicht existierte (und später
wahrscheinlich auch nicht), wurde erst durch das Medium geschaffen. Die
HörerInnen waren /sind eher "diffuse Einheitssubjekte einer angenommenen
Masse".
In den 60er70er Jahren wurde dieses mythische Ideal aufgegriffen, als sich
der Wunsch mancher Seite nach einer Gegenöffentlichkeit verstärkte.
Hier
ging es darum, die wichtigsten und die "richtigen" Informationen AN
ALLE zu
senden, also die Schaffung eines alternativen Senders, mit dem man in Dialog
mit den Autoritäten, der autoritären Staats- und Wirtschaftsgewalt
treten
wollte.
Diese Gegenöffentlichkeit, also "die Masse" konstituierte sich
vor allem
durch 1 Einheitlichkeit: sie sendete nicht und war somit dem weiteren
Vergleich entzogen. Wer zuhörte, definierte sich über seinen/ihren
Geschmack, seine/ihre politischen Ansichten, seine/ihre Hörgewohnheiten.

Freie Radios in Deutschland
Ein weiteres Fragment:
PIIIIEEEEEEEP ! ("Radiowecker")
1906 wurde in Dtl. der erste öffentlich erhältliche Radioservice begonnen:
"Für Abonnenten mit plombierten Geräten strahlte eine Station
in Nauen
täglich um ein Uhr nachts und um dreizehn Uhr mittags ein Zeitsignal aus.
Erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und aufgrund eines besser
ausgebauten Eisenbahnschienennetzes wurden die unterschiedlichen Zeiten an
den diversen Orten zu einer vereinheitlicht."
Ein Sender sendete nun an viele Orte ein Signal. Die neue
Distanzüberwindung von Neuigkeiten, verkleidet in Nachrichten, erschuf
das
Phantasma des realen Ereignisses. Das Phantasma des Realen ist der Glaube
an die Einheitlichkeit und naturwüchsige Wichtigkeit von Informationen
und
die Gleichzeitigkeit, mit der sie wahrgenommen wurden, als Vorstellung von
historischer Veränderung. Letztere vollzieht sich aber ausserhalb des
Subjektes und von ihm losgelöst. Während der private Sender ein "ich
bin
informiert" vermittelt, projiziert der lokale Sender ein "Ich bin
dabei".
Könnte es sein, dass nichts davon stimmt ?
Fragment |_|:
Frustriert von diesem misslungenen Versuch, die Masse zu erreichen und
damit eine Gegenöffentlichkeit gegen die Staatsmacht aufzubauen, erklärte
Mac Luhan in den 80ern (?): "Das Medium ist die Message." "Das
Medium sendet
sich immer nur selbst". Das ist vor allem strukturell gemeint: Die
HörerInnen machen immer die gleiche passive Erfahrung des Radiohörens;
sitzen und hören. Der Sender sendet sich und nur sich selbst. Diese Aussage
musste berichtigt werden, als die damit proklamierten
Manipulationsmöglichkeiten von Empfangenden in Frage gestellt wurden. Wer
hört schon, was gesendet wird ? Ob Werbung, Informationssendungen, Musik,
die Wahrnehmung einzelner ist immer unterschiedlich.
Luhans Aussage meinte aber auch das mediale Rauschen, das grundlegende
Rauschen (-). Und: Jedes Medium sendet sich selbst aus; die Differenzen
zwischen Stimme, Plattenspieler, Radio, Fernseher, Computer etc. sind
wahrzunehmen.
Im Gegensatz zur Isolationszelle, in der nur das Nicht-Rauschen gehört
werden kann und diese Differenz eines fehlenden Rauschens die Personen
soziopathologisch zerstört. Das Rauschen als das Eingebettet sein in
diese Welt.
Fragment 8:
Souveräne Medien: In den 80ern bildeten sich kleine schwarze Flecken auf
dem radioground. Überall spriessten unangemeldete kleine Piratensender
aus
den Winkeln. Die Gründe fuer deren Entstehen sind sehr divers; die Anzahl
etwa entsprechend des Vorkommens. "Alles, was auf uns niederkommt, wollen
wir durch den Gebrauch kontrollieren. Wir wollen handelndes Subjekt sein.
Du wirst kein Opfer der Medien, solange du sie gebrauchst. Darum schwelgen
wir in den Medien, auf eine rabelaiske Manier. Die Signale sind für uns
nicht immateriell, sondern taktil. Wir wälzen uns im Medienschlamm."
Von
Experimenten zersetzte Soundschnipsel. "Im Gegensatz zum Zeitgeist, der
alles aufsaugt, um aus dem Musikarsenal einen Trend zu destillieren, wählt
das Mix eine maximale Blendenöffnung": Alles und das sofort für
nichts und
niemanden. Wahrheit, Wirklichkeit und Repräsentation gehen baden; die
Ätherverschmutzung verstärkt sich; alles ist Deformation, De(kon)struktion
und Détournement.
Das zusammengeraffte Material wird nach seinem Entfremdungspotential
untersucht: Audioschnispel aus Fernsehen, Radio, Kassetten, Platten, CDs,
Interviews, eigenen Aufnahmen, usw. Das Prinzip der Deformation beruht auf
der Ordnung des Chaos, der Mangel wird eingesetzt. Es geht um ein breites
Bewusstsein.
Es bleibt die gleiche Menge an Bedeutung, aber ohne universellen Code, als
Anregung, Inspirationsquelle, Ruhepol oder atmosphärischer Erlebnispark.
Es geht um Aneignung der Sendepraxis, die durch Hörgewohnheiten produzierten
Erwartungshaltungen stören; ein negatives Medium zu schaffen, also die
Realisierung einer totalen Dekontrolle.
Der Mix laeuft der Vorstellung von einheitlicher Zeit durch seine
Reproduktionen, seine non-linearen Überlagerungen und Verschiebungen entgegen.
Noch ein Fragment:
Ein Phantasma hat die IdealistInnen beim Radio nie losgelassen: Eine
Veränderung des Radio-Prinzips: Sender-Empfänger.
Immer wieder taucht der Wunsch einer Rückkopplung auf: Jede/r kann senden
(Rückkanal).
Radio Alice aus Bologna nutzte ... eine Gesetzeslücke: Nachdem 1976 das
Rundfunkmonopol in Italien für verfassungswiddrig erklärt worden war,
hängten tausende kleiner Rundfunkstationen ihre Antennen in die Luft. Meist
kommerziell, waren sie wenigstens nicht illegal. Alice als eine der wenigen
nichtkommerziellen stationen versuchte den technischen apparat des Senders
zu verändern, indem es ihn einerseits mit dem des Telephons koppelte: jede/r
Empfängerin konnte für die Zeit des Telephonats zum/r Sendenden werden;
und
andererseits die Türen des Studios offen hielt wie das Micorphon. AN ALLE
wurde so zum FÜR ALLE, die sich beteiligten. Das Programm wurde auflösbar,
konnte permanent unterbrochen werden. Das Konzept funktionierte soweit, als
ALICE die politische Bewegung diskursiv mit der bekannten Konsequenz
verstärkte, nach wenig mehr als einem Jahr, im Verlauf von Unruhen
anlässlich der Ermordung eines Studenten durch einen Carabiniere, von
Polizisten besetzt zu werden. Das Sendegerät, über das viele Stimmen
sprachen, wurde zerstört."(OF; FT)
Fragment 0:
Die derzeitigen Grenzziehungen und repressiven Beschränkungen sind schon
seit
einiger Zeit, sogar gesetzlich festgelegt. Von Anfang an wurden die Radios
plombiert; das heisst, ihre Empfangquelle wurde so weit eingeschränkt,
dass
sie die meist in militärischer Aktivität gesendeten Sprüche über
Funk - dessen
Struktur übrigens dem des Radios entgegengesetzt ist: möglichst gezielte
und
wenig Empfänger - nicht empfangen konnte. Die Frequenzen waren reguliert.
Zum
Senden muss man sich eine Genehmigung dafür besorgen. Und seltsamerweise
inzwischen nicht nur dafür, sondern sogar für den Empfang, wie man
ja weiss
mit den GEMA-Gebühren. Die äusserste Beschränkung ist das digitalisierte
Radio.
Es empfängt nicht die kleinen Sender mit schwacher Leistung, sondern
reproduziert in ihrer Stärke nur die mächtigen Sender, deren Leistungen
weit
reichen.
Dagegen agieren und wehren sich die Piratensender, die sich einfach dazwischen
oder mitten rein setzen.
Frage-ment:
Was könnte ein globales Radio sein ?
Globales Radio produziert verbundene aber uneinheitliche Orte; es formuliert
die Aussage des "ich-bin-dabei" als Frage, als Problematik, die sich
nicht
auflösen lässt, und die sich in sämtlichen Varianten weltweit
wiederfinden
lässt.
Während lokales Radio zur Teilnahme an lokalen Ereignissen auffordert,
deren
Effekte auf 1 Ort beschränkt sind, kann das globale Radio zu anderen
Handlungen mit nicht absehbaren Effekten aufrufen. Das Ereignis als einer
neuen historischen Kategorie zeigt Differenzen von Zeiten, Orten,
Produktionen von Ereignissen; zeigt, dass es keine Einheitlichkeit geben kann,
durch sein Rauschen. Das Rauschen sind die Zwischenräume der Ereignisse.
Dort
kann mediale Praxis sich angeeignet und produziert werden.
"Insofern muss der Bericht Freier Radios, um politisch zu werden, die
Produktion phantasmatischer Ereignisse stören -> Dazu müsste man
die Maschine
als Apparate verändern (in Anspielung auf Apparat als Machtinstrumente)
und nicht nur auf deren angeblichen Inhalt achten. Produktionsbedingungen
bestimmen und Rezeptionsbedingungen subvertieren (unterwandern).
Fragment Zitat:
"Radio ALICE hat bewiesen, dass es Kommunikationsmodelle jenseits des Dialogs
gibt, indem es die Worte der Anrufer, die Geräusche ihrer Orte über
den Sender
an viele Orte der Stadt verteilte, also den einen Ort vervielfältigte (WAS
IST
EIN ORT ?) und so neue öffentliche Räume schuf. Vergleichbar einigen
Versuchen
der 20er Jahre, einfach ein Mikrophon auf eine Strasse zu stellen und direkt
über den Äther zu übertragen, wurde bei Alice das scheinbar nebensächliche,
das noch Unbedeutende, das Alltägliche hörbar und konnte damit als
Aufruhr
bestimmt werden. Die Ereignisse hatten damit einen anderen Status als
Diskontinuierliche und je zu Produzierende. Echtzeit als Produktion einer
Einheit wurde für deren Zersetzung genutzt. Radio Alice stellt sich so
als
Modell eines globalen Radios dar, insofern es nicht Einfühlung, sondern
Veränderung forderte und Ereignisse nicht linearisierte, sondern
deterritorialisierte." (Geert
Lovink "Hoer zu - oder stirb!")
weitere aktuelle Anknuepfungspunkte fuer ein Gespraech ueber mediale Strukturen:
Internetstrukturen: SERVER-Zentralismus, microsoft (warum linux nicht linux
ist),
praktischer Teil: Sendemarathon