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Der Vortrag ist als Anregung für die angestrebte Diskussion gedacht
und formuliert sich je nach Interesse weiter aus und um.
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burn out !
- Überlegungen, das Rathaus und Citypoint nicht anzuzünden,
um Obdachlose und Drogenabhängige zu erkälten.
[[Ex-Titel: "burn it
! - Überlegungen, das Rathaus und Citypoint anzuzünden, um Obdachlose
und Drogenabhängige zu wärmen."]]
Vortrag für den Mittwoch
den 22.01.03 14.00uhr, Hörsaal Kunsthochschule Kassel
So lautet die Ankündigung für die heutige Veranstaltung der
Bkademie, die in ihrer ersten Version unter einigen Leuten der Kunsthochschule
für Verwirrung sorgte.
Der erste Titel bezog sich auf ein Flugblatt, das 1967 von der Kommune
I herausgegeben wurde: "Warum
brennst du, Konsument ?", dass ich ausgesucht hatte, um daran
neuere Erkenntnisse in bezug auf das, was hier "Terrorismus"
genannt wird, zu untersuchen und zur Diskussion zu stellen. Es bezieht
sich auf einen Kaufhausbrand 1967 in Brüssel, der 300 Menschen das
Leben kostet. Diesbezüglich wird auf die viel grösseren Ausmasse
von Todesfällen in Vietnam verwiesen.
Darauf und auf eine genaueren Analyse, was als 68er- und "11.9."-Terrorismus
bezeichnet wurde, wollte ich heute zu sprechen kommen.
Doch kam es zu einem Zwischenfall. Das Vorlesungsverzeichnis der Bkademie
geriet in die Hände eines oder mehrerer Personen, die u.a. an dieser
Ankündigung Anstoss nahmen. Ein agent provokateur, der nicht genauer
definiert werden kann, reichte es zur Überprüfung weiter an
die Rechtsverwaltung der Universität. Sie begründeten ihr Unwohlsein
u.a. damit, dass "man" davon ausgegangen sei, diese Schrift
sei von einem der "Angestellten" der Universität produziert
und publiziert worden. Form und Inhalt würden vermutlich manchem
nahelegen, dass das gesamte Veranstaltungsprogramm ein Versuch sei, die
"Programmatik der Kunsthochschule zu übernehmen" und "die
Hochschule auszuhebeln."
Sobald sich aber herausgestellt habe, dass es ein "studentisches
Projekt" sei, wäre zwar die Ansicht, dass es sich um einen staatsfeindlichen
Aufruf handle nicht verschwunden, aber damit sei die Geringfügigkeit
und Lächerlichkeit des ganzen Unternehmens deutlich geworden. Ja,
man kann sich nun wieder beruhigt zurücklehnen und sich sagen (ich
zitiere): " Wenn darauf gestanden hätte: "Bkademie - ein
studentisches Projekt", dann hätte sich das keiner auch nur
angeschaut."
Ähnlich verhält es sich - so haben wir vor 2 ½ Jahren
nach dem Rundgang 2000 von einer Juristin hier im Hörsaal bezüglich
des Übermalens von studentischen Bildern durch ProfessorInnen erfahren
- mit der Kunst im Allgemeinen: "Die Kunst" dürfe mehr,
als das Gesetz zulasse, sie müsse sich nur als Kunst kennzeichnen
Die Kennzeichnung durch den räumlichen Bezug scheint hierbei nicht
zu genügen; denn sowohl die damals von ProfessorInnen übermalten
Bilder des Studenten als auch die Bkademie-Vorlesungsverzeichnisse wurden
in der Kunsthochschule präsentiert.

Mit diesen Handlungen, also
das Übermalen als auch die Weitergabe an die Rechtsverwaltung, verdeutlicht
sich das expressive Herrscherportrait, das strukturell immer gleich funktioniert,
an dem Hierarchien und Machtverhätlinisse abgelesen und in ihm reproduziert
werden, was aber gerade von den zur Zeit in Amt und Würden stehenden
sogenannten Alt-68erInnen nicht zur Kenntnis genommen werden will. Es
handele sich schiesslich gerade bei ihnen, nicht um den angenommenen Obrigkeitsstaat,
den sie verträten.
Zur genaueren Analyse der psychologischen Struktur der Alt-68erIn-Generation
ein andermal.
Von anderer Seite sagte man mir, die Begründung für eine Überprüfung
von Seiten der Rechtsverwaltung sei, dass es sich dabei um einen staatsfeindlichen
Aufruf zur Gewalt und möglicherweise terroristische Organisationsansätze
handele.
Wie lässt sich diese Vermutung erklären ?
Wenn man die Ankündigung
genauer betrachtet, teilt sich die Ankündigung in 3 Satzteile.
Das "Burn it !" ist zumindest durch die Implementierung des
Ausrufezeichens als Aufruf zu verstehen: "Man" solle ES anzünden.
und das auch noch auf englisch.
Danach folgt ein detailliertere Definition des Aus- bzw. Aufrufes: dass
es sich nämlich dabei um Überlegungen handle. Diese ergänzenden
Zusätze zur Definition des Titels sind spätestens seit Kant
("Zur Kritik der reinen Vernunft") als Aussage bekannt, die
die Einschränkung und Beispielhaftigkeit, das Kommentarische am Text
bedeuten soll.
Der 2. Teil - ein Relativhalbsatz mit dem Inhalt, dass es Überlegungen
gibt, 2 Räumlichkeiten im Stadtraum anzuzünden; und der 3. Teil
- ein erweiterer Infitnitiv - dass man damit gewisse Teile der Bevölkerung
wärmen könne - verbinden sich durch Kommasetzung.
Nun erscheint dieser Aufruf in seiner Konsequenz zunächst als absurd
- wer einmal vor einem brennenden Gebäude der Grösse eines Rathauses
oder Warenhauses gestanden hat, weiss das. Da dies leicht zu erkennen
ist, vermute ich einen anderen Grund dafür, dass obige Vermutungen
entstanden sind.
Um dahinter zu kommen, muss man die Symboliken der einzelnen Teile der
Anweisung betrachten. Wofür stehen Rathaus und Citypoint ?
Sie sind symbolische Repräsentanten von, wenn man so will, Regierungsmächten,
der politischen und der ökonomischen.
Zur Beschreibung der Verquickungen von Ökonomie und Staatsverwaltung
möchte ich ein paar Schritte in die Geschichte zurückgehen.*
Das Sicherheitssystem geht von (Realität als) Norm aus, aus der Gesetze
und Gesetzmässigkeiten abgeleitet werden, die es einzuhalten gilt
mit Sicherheitstechnologien, die normalisiert werden. Als Beispiel: Überwachungskameras,
die zur Ver-Sicherung der Gesellschaft installiert werden. Wer sich dem
nicht unterwirft, flieg raus.
Ökonomie und Regierung
"Das Wort "Ökonomie"
bezeichnet ursprünglich das "weise Regieren des Hauses zum gemeinschaftlichen
Wohl der gesamten Familie."
Dieses ideologische Prinzip galt lange ebenfalls für die Regierung
des Staates. Ein Problem entstand, nach Rousseau, in der Übertragung
der Prinzips der familiären Ökonomie auf die staatlich-nationale
Ökonomie. La Perrière schreibt 1567 dazu: "Regieren ist
das richtige Verfügen über die Dinge (um sie dem angemessenen
Zwecke zuzuführen)." (S.50)
Mit diesem "Dingen" sind bei Machiavelli vor allem "das
Territorium" und "die Leute, die diese Territorium bewohnen"
gemeint; nach Foucault eher die Beziehungen und Verhältnisse zwischen
diesen Variablen."Der Staat lässt sich nach rationalen Gesetzen
regieren, die ihm eigen sind... Umgekehrt wird die Regierungskunst ...
die Prinzipien ... (der souveränen) Regierungskunst in dem finden
müssen, was die spezifische Wirklichkeit des Staates ausmacht."
(S.56) Um diese Rationalität zu erkennen und durchzusetzen, benötigt
die Regierung die absolute Souveränität, die es nach Machiavelli
zu erreichen und aufrechtzuerhalten gilt und die ihr gleichzeitig im Wege
steht:
Das Wohl in seiner Gesamtheit kommt dann zum Tragen, soll heissen: es
geht dann einer Gesellschaft gut, wenn der Gehorsam vor dem Gesetz durchgesetzt
wird, sich und andere nach ihm (gegenseitig) richten (Gesetz und Richttum
sorgen dafür). Diese als Forderung zu verstehenden Freiheiten zielen
auf "absolute Unterwerfung". ("Fit sein fürs System.")
Der "angemessenen Zweck" La Perrières bestimmt also das
Verfügen über die Dinge und bedeutet schliesslich nichts anderes,
als dass das Ziel von Ökonomie bzw. regierendem Merkantilismus auf
die Machterhaltung des Souveräns durch das Anhäufen von Ressourcen,
das Aufstellen von Armeen und damit das Umsetzen seiner Politik ausgerichtet
sein müsse. (S.58)
"Die Regierung (wird dabei) selbst zu einer Art Unternehmen..., dessen
Aufgabe die Universalitsierung des Wettbewerbs und die Erfindung marktförmiger
Handlungssysteme für Individuen, Gruppen und Institutionen sind."
(S.16)
So sind also Ökonomie und Regierung seit langem miteinander verbunden.
Zur "Symbolik" von
Obdachlosen und Drogenabhängigen:
Obdachlose und Drogenabhängige sind als Symbol für einen ausgeschlossenen
Teil der Bevölkerung zu verstehen; es hätten stattdessen auch
AsylbewerberInnen und Arbeitslose aufgezählt werden können,
wobei es einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen Gruppen gibt:
Letztere müssen sich dem schizophrenisierenden Zwang ausgeliefert
sehen, einerseits nicht für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen,
also nicht arbeiten zu dürfen, andererseits aber als schändlich
bezeichnet zu werden, weil sie dies aber uch nicht tun (können).
Obdachlose und Drogenabhängige werden eher aus der Gesellschaft verstossen,
weil sie die neuen Richtlinien des neuerdings ver-manageten Sozialsystems
nicht genüge tun können. Diese verlangen motivierte "Eigenverantwortlichkeit,
Eigenständigkeit, Eigeninitiative" (S.198) (die alle 3 für
Formen der Subjektivierung stehen), beständige Selbstevaluierungsverfahren,
Selbstaneignung und Selbstlenkungsfähigkeiten in bezug auf die kulturellen
Codierungen, um so zur aktiven Ware und "Unternehmer(In) seiner(/ihrer)
selbst" (S.201) zu avancieren. Wer nicht mithält fliegt raus.
Dennoch sind alle von mir hier nur provisorisch als Gruppen charakterisierten
Menschen Resultat der Bedingungen der westlichen Systeme. Statt sie aber
als gesellschaftliches Phänomen zu begreifen, werden sie auf ihre
verindividualisierten Einzelschicksale und sozialen Probleme reduziert
und damit in ihrem Auftreten zerstückelt. Sie müssen versubjektiviert
einsam ihr Leben fristen (-> Soweit zur Freiheit des Individuums).
Diese Ausgrenzungsmechanismen enstehen durch systematische ökonomische
Verknappung, also zb. die Einschränkung des nationalen Arbeitsrechts;
der Schaffung von Abhängigkeiten in subsistentiellen und existentiellen
Überlebensfragen wie Trinken, Essen, Wohnen und kulturellen Gütern;
etc.)
Somit hängen diese beiden
Symbolfelder miteinander zusammen. ...
Zum Terrorismus-Vorwurf: eher
social recycling ?
Der Begriff des Terrorismus sollte ein wenig differenziert betrachtet
werden, da er gerade in letzter Zeit mehr als inflationär eingesetzt
wurde.
Er geht auf das Vokabular der Französischen Revolution zurück
und entstand in den ikonoklastischen Jahren 1793/94; doch erweiterte sich
seine Bedeutung in den zwanziger Jahren des 20.Jhds. In den 60er/70er
Jahren kamen die Fragen des Terrorismus u.a. auch nach Frankreich und
Deutschland.
Er behauptet, dass bestimmte Gruppen vor allem aus politischen und kulturellen
Gründen Angst verbreiten mit jeweils bestimmten aber unterschiedlichen
Motivationen, Zielen und eingesetzten Mitteln.
1980 wurde die Begriffsverbindung "kultureller Terrorismus"
**gezogen. Allerdings wurde sie besonders gebräuchlich in bezug auf
die politischen Umwälzungen in Italien zwischen Mai und Juli 1993.
Da es sich beim Veranstaltungstitel
nicht um das politische Ziel handelt, Angst zu verbreiten, sondern Nicht-Priviligierte
zu wärmen, also einen Ausgleich zu schaffen, zu diversifizieren und
mit der Gewalt des Feuers brechen, um (neuen) Raum erschliessen und verdeutlichen
zu können, könnte man vielleicht eher den Neologismus des "sozial-recyclings"
einführen.
Ich möchte auch noch einmal
kurz auf die Aussage Stockhausens verweisen:
Terroranschläge
als grösstes Kunstwerk bezeichnet
Könnte man, da auch der räumliche Bezug zur Kunst bei der Verteilung
der Hefte und Plakate gezogen wurde, eher bei dem Titel von einer Anregung
zum ikonoklastischen Akt ausgehen ?
IK im Unterschied zu dem Begriff der Zensur ? (folgt in den naechsten
Wochen)
-> Ikonoklastische
Gesten und Iconoclash
Zusatz der später weitergedacht, hoffentlich
noch ausformuliert wird:
Der Liberalismus (der
ja die Freiheit des Individuums be-deutet, also mit Deutung belegt) reguliert
nicht nur die Freiheit, sondern "fabriziert" und "produziert"
sie in kategorialer Weise. Es gibt sogar einen Zwang zur Freiheit: frei
darüber zu entscheiden, ob man sich unterwerfen (arbeiten etc.) will,
oder nicht.
Dies ruft auch ihre beständige Gefährdung hervor, die es zu
unterbinden und damit die Freiheit zu schützen gilt. "Immer
neue Interventionen" folgen. Häufig werden die neuesten Technologien
eingesetzt, die ein anderes als vorgesehenes Verhalten verunmöglichen.
Dies etabliert immer weitere "Mechanismen der Sicherheit". Diese
werden verinnerlicht, müssen verinnerlicht werden, da sonst der Ausstoss
aus der Gesellschaft droht.
Da der Liberalismus (liberté, egalité, fraternité)
juristisch institutionalisiert wurde, gehen diese Mechanismen in Strukturen
der Regierungsrationalität ein. Oder andersrum: "Es ist die
Form des Marktes, die als Organisationsprinzip des Staates und der Gesellschaft
dient." (S.15)
(kleiner Sprung) Familie und Staat XXX
"Die Regierung (wird dabei) selbst zu einer Art Unternehmen..., dessen
Aufgabe die Universalitsierung des Wettbewerbs und die Erfindung marktförmiger
Handlungssysteme für Individuen, Gruppen und Institutionen sind."
(S.16)
[[[wenn jede/r frei sein soll, dann muss auch jede/r für "die"
Ökonomie sorgen. nicht nur familiär, sondern auch gesellschaftlich
- was aber in ganz bestimmter weise strukturiert ist.]]]
Der Liberalismus wird zum Massstab für Übermass und Missbrauch.
+++
* Sämtliche Zitate und
Seitenverweise bei:
"Die Gouvernementalität der Gegenwart - Studien zur Ökonomisierung
des Sozialen", Hg. Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas
Lemke, suhrkamp 2000; mit Texten von Foucault und anderen zum Them
Bild aus: "Bildgattungen - Das Herrscherporträt", Landesmuseum
für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg 1982
weitere Literatur:
**"Zerstörte Kunst - Bildersturm und Vandalismus im 20.Jahrhundert",
Dario Gamboni, Dumont, 1996
"Politische Ästhetik", Friedrich Tomberg, Luchterhand 1973
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